Einen Tag lang unterwegs im Zug. Ohne Plan, grenzenlos spontan – geleitet durch eine «Random-Generator-App». Ein Selbstversuch mit erstaunlichen Ergebnissen.

Alles fing ganz harmlos an. Wir verabredeten uns um 11 Uhr an einem sonnigen Samstag am St. Galler Bahnhof. Gestärkt durch frisches Gebäck traten wir unsere Reise an. Unser Reiseführer: Eine App namens «Random Generator», welche uns mittels Würfeln, Münzenwerfen und Zahlengenerator mit dem Zug durch die Schweiz bringen sollte.
Zuerst beschlossen wir den erstbesten Zug zu nehmen. Der erste Wurf bedeutete drei Stationen fahren. Der entsprechende Zug fuhr Richtung Altstätten, eigentlich kein Problem. Dachten wir. Denn hier lernen wir Lektion Nummer eins von heute. Unser ÖV-Netz ist wohl eines der am best ausgebautesten der Welt. So kommt es uns zumindest gerade vor, denn dieser Zug hält bei unserer Station Nummer drei in einem uns völlig unbekannten Kaff. Die Auswahl zwischen weiter in die gleiche Richtung oder zurück zum Bahnhof unseres Ausgangspunkts zu fahren schien uns doch etwas eng zu sein. So entschieden wir uns – selbstverständlich ganz spontan – für die Weiterfahrt im selben Zug. Unser erster Regelbruch, der gewiss nicht der letzte sein sollte.
Wir – drei junge Frauen, die sich kaum kannten – fuhren weiter ohne Ziel mit diesem Zug. Wir wussten nichts voneinander – ausser, dass wir alle an der HSG studieren. Unser Experiment mag etwas ungewöhnlich erscheinen, doch nun können wir aus eigener Erfahrung sagen: Es lohnt sich definitiv, über den eigenen Schatten zu springen und sich auf eine ziellose Reise mit entfernten Bekannten zu begeben.
Zugegeben, anfangs war die Stimmung noch ein wenig von Schweigen und Zurückhaltung geprägt, doch eine von uns hatte die glorreiche Idee das Eis mit einem kleinen Missgeschick zu brechen. Die Getränkeflasche war nicht richtig verschlossen und zack – der halbe Zug ist mit der zuckerhaltigen Flüssigkeit bereichert, genauso wie der arme Rucksack und der unschuldige Laptop. Die nette flüchtige Bekannte springt natürlich gerne helfend ein und nimmt den Laptop in ihre Obhut. Schliesslich ist ihre Tasche noch nicht bis zum Bersten gefüllt. Die Mitreisenden versuchen den Zwischenfall zu ignorieren oder zumindest so zu tun. Lästern kann man ja immer noch, wenn die Fahrgäste endlich einen Abflug gemacht haben. Auf jeden Fall aber sind solche Missgeschicke wärmstens zu empfehlen, es schweisst zusammen.
Der nächste Zug führte uns Richtung Chur. Unsere mitreisende Fotografin – ganz begeistert von der Weiterfahrt in das ihr völlig unbekannte Schweizer Gebiet namens Bündnerland — würfelte leider nur bis Sargans. Ein paar Minuten und unterhaltsame Gespräche später lief der Zug auch schon im Zielbahnhof ein. Auf dem Perron fragte man sich als Ortsunkundiger natürlich, ob sich ein Zwischenstopp hier überhaupt lohnt oder ob wir gleich wieder in den gleichen Zug einsteigen sollten, der noch im Bahnhof stand. Flugs wurde unser Dillemma von unserem Reiseführer, dem «Random Generator» gelöst: Kopf oder Zahl lautete die Frage. Kopf für Weiterfahren; Zahl, um Sargans eine Chance zu geben. Die virtuelle Münze zeigt uns Kopf an, somit steigen wir wieder in denselben Zug ein, wohlweislich in einen anderen Wagon, was würden die Mitreisenden ansonsten von uns denken. Wahrscheinlich wären wir das grosse Thema eines nachmittäglichen Kaffeeklatschs über «Die heutige Jugend und ihre Unsitten» geworden. Schade eigentlich, dass wir diese Diskussion nicht tat-
kräftig unterstützt haben, aber nach so viel Blamage war uns dann doch nicht zumute.

Weiterfahrt ins Niemandsland

In Chur angekommen, juckte es uns in den Fingern, unser Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen und unsere Route selbst zu bestimmen. An solch einem schönen Tag wäre es doch umso angenehmer im Tessin zu sein, dachten wir uns. Die Verlockung war da, sie zog uns in unseren Bann und führte uns in Versuchung, unsere Spontanität für dieses eine Mal (und sicher nur dieses eine Mal) sein zu lassen. Schon entstand eine kurze Philosophiestunde über den Begriff Spontanität, ob der spontane Drang ins Tessin zu gehen auch noch zu unserer Spontanitäts-Definition vom Anfang der Reise passte. Wir mussten uns schliesslich eingestehen, dass Spontanität am Anfang über unser App definiert worden war.
Um es etwas spannender zu machen, liessen wir die App eine Zahl generieren, die das Gleis bestimmte und würfelten danach die Anzahl Stationen. St. Moritz war die Richtung, Reichenau-Tamins die Station. Eines lässt sich vorwegsagen, fahrt niemals nach Graubünden oder kehrt um, solange es noch geht. Nicht, dass der grösste Schweizer Kanton kein Besuch wert wäre – im Gegenteil. Aber das Angebot an Strecken ist nicht gerade verlockend. Schnell ist man hier wieder beim Schweizer Kaff-Problem angelangt: Von Chur aus gehen die meisten Strecken, wenn nicht zurück in Richtung St. Gallen oder Zürich, in irgendwelche Täler. Von dort aus kann man bei den meisten Stationen entweder in die gleiche Richtung weiterfahren, oder als zweite Option den Zug zurück nach Chur, dem Knotenpunkt des Bündnerlandes, nehmen.
So kam es, dass wir wiederum unsere eigenen Regeln brachen und Reichenau-Tamins an uns vorbeiziehen liessen, um erst bei Thusis auszusteigen. Dies haben wir aus praktischen Gründen entschieden, denn auf der SBB-Karte sah es so aus, als gingen von Thusis wieder Züge in mehrere verschiedene Richtungen weiter. Erneut entbrannte eine Definitionsdiskussion über Spontanität. In Anbetracht der Situation in diesem Tal im Graubünden fanden wir, dass Spontanität schliesslich auch bis zu einem gewissen Grad Regellosigkeit bedeutet und somit den Regelbruch der zuvor bestimmten Spontanität legitim sei.
Auf unserer gesamten Reise wurden wir genau zweimal kontrolliert. Einmal auf der Fahrt nach Thusis, das zweite Mal bei unserer Rückkehr nach Chur. Kurz nacheinander fuhren wir von Chur nach Thusis und retour. Der nächste Anschlusszug in Thusis war, ach wie schade, der Zug zurück nach Chur. Dieses eher unnötige Hin- und Herfahren hat sicherlich die schönen Statistiken der SBB leicht durcheinandergewirbelt. Wer fährt schon irgendwo in ein Kaff und dann fünf Minuten wieder zurück? Es lässt sich eben nicht alles mit Zahlen erklären, wie sich das die Statistiker wünschen.
Siehe da, kurz vor dem Aussteigen in Thusis trifft man im Zugwagen noch eine alte, jahrelang nicht gesehene Bekannte – die theoretisch perfekte Gelegenheit für ein kleines, spontanes Schwätzchen. Doch nein, auszusteigen gebietet uns das Gesetz der Spontanität. Und so haben die von uns definierten spontanen Regeln eine spontane Konversation par excellence versaut.

Essen muss geplant sein

Unsere knurrenden Mägen dankten es uns definitiv, dass wir nach Chur zurückkehrten.
Bei der Nahrungsaufnahme überliessen wir aber nichts dem Zufall. Es wurde nicht nach einem guten Café gewürfelt, sondern kurzerhand die Churer Kollegin gefragt, wo man denn in Chur gut speisen könne. Den Rat befolgend setzten wir uns in die wärmende Bündner Sonne und genossen unsere Kaffees inklusive Verpflegung. Obwohl wir uns kaum kannten, vertieften wir uns sogleich in Gespräche. Freund, Studium, Reisen – es gibt viele Themen, die man auch mit kaum Bekannten führen kann. Es werden Gemeinsamkeiten entdeckt, Diskussionen geführt und darüber glatt die Zeit vergessen. Dies erwies sich aber als äusserst verhängnisvoll für unsere Weiterreise.
Wir hatten beschlossen, selbst in die Reise einzugreifen, indem wir den Zug nach Zürich nehmen würden, um unsere Optionen an Reisezielen zu vergrössern und nicht noch einmal in Thusis zu landen. Gesagt, getan. Doch leider ist die SBB nicht so spontan wie wir, was sich darin manifestiert, dass Züge nach Zürich nicht vom Himmel fallen. Also brauchte es in diesem Fall die altbekannte Planung und Voraussicht. Weder das eine noch das andere hatten wir an diesem Tag im Gepäck. Das Ergebnis: Wir verpassten den Direktzug nach Zürich um ein paar mickrigen Minütchen. Durch und durch spontan zu sein hat eben nicht nur seine Vorteile. Man gibt die Kontrolle völlig ab, lässt sich treiben im Strom der Möglichkeiten und nimmt die erstbeste davon – ohne zu überlegen, ob man das auch tatsächlich will. Für unsere Reise war es spannend, spontan zu sein. Man sieht Orte, wo man nie im Leben hingefahren wäre. Man erlebt Dinge, die man sonst wohl kaum erlebt hätte. Doch man lässt sich von der Spontanität auch ein Stück weit versklaven. Nichts mehr entscheiden zu können kann eben auch ganz schön mühsam, wenn nicht schon wieder unspontan sein.
Uns verblieb als Option entweder eine geschlagene halbe Stunde zu warten, oder aber eine Zugverbindung zu nehmen, die uns zwingen würde, mehr als zwei Mal umzusteigen und uns schlussendlich nach Zürich bringen würde. Dies aber in einem massiv längeren Zeitraum als der Direktzug. Wir nehmen uns für das nächste Mal vor, trotz aller Spontanität die Verbindungen abzuchecken, bevor man sich dem Kaffee und dem Plaudern hingibt. Nach einer längeren Wartezeit an einem Bahnhof zwischen Chur und Zürich kamen wir dann in Zürich an, mit einem Zug der bezüglich Aussehen so gar nicht zu den Zügen der SBB-Flotte passte. Der aussergewöhnliche Zug fuhr weiter nach Budapest. Wieso der genau von Chur kam, konnten wir uns nicht wirklich erklären, aber wir waren einfach froh, endlich in Zürich zu sein.
Von dort aus hätte der Random Generator uns zur Abwechslung für einmal in eine ganz andere Richtung schicken können. Fribourg, Genf oder auch Basel hätten wir ganz spannend gefunden. Mit Betonung auf «hätte», denn der Blick auf die Uhr verhinderte den nächsten Einsatz unseres Reiseführers: Es war schon Abend. Die nächste Lektion, die wir gelernt haben und euch nicht vorenthalten wollen: Plant am Abend keine Treffen oder Ähnliches ein, so wie wir das teils gemacht hatten, denn die Zeit geht garantiert rascher vorbei als gedacht. Am besten ist es – aber das gilt natürlich nur für Spontanitäts- und Zugliebhaber, die gerade sowieso nichts zu tun haben – sich mehrere Tage Zeit zu nehmen. Die Schweiz ist verkehrstechnisch wirklich eine Perle und folglich mehr als nur einen Tag spontane Reise wert.
So verabschiedeten wir uns voneinander. Viele Zugkilometer, Erlebnisse, Gespräche und Kaffees reicher, sodass aus flüchtig bekannten Kommilitoninnen sich besser kennende Bekannte, ja schon fast Freundinnen entstanden sind. Jede ging ihres Weges Nachhause – natürlich mit unserem überaus treuen Begleiter, der SBB App.