Einem Klischee auf der Spur. Ein Frühlingsstreifzug durch Dorf im Zürcher Weinland.

Die heile Welt des Landes gibt es in der Schweiz faktisch nicht», sagt Michael Baumann, «die Leute hier sind auch nicht anders als diejenigen in Winterthur oder Andelfingen.» Baumann ist Pfarrer in Dorf, einer 600-Seelen-Gemeinde im Zürcher Weinland. Irgendwo zwischen Winterthur und Schaffhausen. Der neugierige Besucher versteht: Eine Fahrt nach Dorf ist kein Ausflug ins Freiluftmuseum. Dorf soll auch in Zeiten von Gemeindefusion und Urbanisierung für regionale Lebenswirklichkeit statt nostalgisch-verklärtes Landidyll stehen.

Nach den ersten Schritten entlang der Dorfstrasse in Richtung der kleinen Kirche mit ihrem hölzernen Dachreiter stellt sich etwas Romantik ganz von selbst ein. Am Vormittag eines strahlenden Frühlingswerktags ist kein Mensch auf den Strassen. Zwischen Holzscheunen, gepflegten Vorgärten und rotem Fachwerk streunt eine Katze, eine beinahe surreale Stille liegt über der von sanft geschwungenen Rebhügeln umsäumten Siedlung im Flaachtal. In der Hälfte aller Schweizer Gemeinden wohnen weniger als 1000 Menschen, so gesehen ist Dorf helvetische Normalität. Die Minarettinitiative wurde mit überdurchschnittlichen 76.5 % angenommen, die SVP erzielte bei den Nationalratswahlen 55 %, die EDU immerhin 8,9 %. 42 Ausländer leben in Dorf, die meisten davon Deutsche. Sozialhilfebezüger gibt es keine. Nichts davon taugt zum Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Gemeinden. Nach kurzem Zögern nennt Baumann das auf einer Anhöhe gelegene Weingut Schloss Goldenberg mit angeschlossenem Golfplatz als Dorfemer Besonderheit.

Neugierde ist Anteilnahme, die Jugend ein Problem

Es schlägt Zwölf. Vor einem Hauseingang bellen drei Primarschulkinder einen Sennenhund an, der das übermütige Treiben in würdevoller Gelassenheit ignoriert. Wie lebt es sich auf dem Dorfe? Charlotte Bretscher muss es wissen. Die Historikerin wohnt seit 25 Jahren im Ort, die letzten zehn davon im eigenen Einfamilienhaus. Ihr Mann Hugo stammt aus einer alteingesessenen Familie, war einst Gemeindepräsident und ist heute Generalsekretär der ETH. Frau Bretscher winkt aus dem Fenster und bittet uns herein. Das Dorfemer Gemeindewappen zeigt zwei gekreuzte Schlüssel. In der Heraldik steht der Schlüssel für den heiligen Petrus, kann aber auch als Zeichen der Aufgeschlossenheit interpretiert werden.

«Man kennt sich in Dorf und wenn einen die Neugierde der Leute nicht stört, lebt es sich hier ausgezeichnet», meint Bretscher. Beruflich ist sie häufig in Luzern, manchmal in München. Da könne es durchaus vorkommen, dass die Nachbarin am Wochenende detailliert Auskunft gibt, wann denn der Gatte am Dienstag-abend nachhause gekommen ist. «Man spürt eine grosse Hilfsbereitschaft und Anteilnahme, andererseits wird man natürlich beobachtet und kommentiert.» Diesen Faktor der dörflichen Kleinräumigkeit erwähnt auch Michael Baumann und führt aus: «Viele Zuzüger unterschätzen das; die kommen wegen niedrigen Steuern und ländlicher Ruhe und merken dann schneller, als ihnen lieb ist, was im Dorf so läuft.»

Was läuft, das sind zum Beispiel saufende und kiffende Oberstufenschüler, die an den Wochenenden für Lärm und Aufregung sorgen. Wegen der schlechten ÖV-Anbindung – das Postauto verkehrt stündlich und nach 20 Uhr fast gar nicht mehr – seien die Jugendlichen im Flaachtal praktisch eingepfercht, erläutert Baumann: «Sie wabern dann mit ihren Rollern von Dorf zu Dorf.» Das gibt zu reden – oder auch nicht: «Viele wollen nicht wahrhaben, dass es das auch bei uns gibt.» Woran das liegt? «Es spielt schon eine Rolle, dass die Leute hier draussen das Heil suchen, das Paradies auf Erden», mutmasst der Gemeindepfarrer und führt die Ruhe, das harmonische Landschaftsumfeld, die Nähe zu Winterthur sowie die ausgeglichene Infrastruktur an: «Es gibt eigentlich keinen Grund, sich mit den Problemen der Welt zu beschäftigen – bis sie dann da sind.» An einem gewöhnlichen Nachmittag sind ein paar Glasscherben und Zigarettenstummel im trockengelegten Dorfbrunnen die einzigen Spuren der renitenten Jugend. Später braust ein getunter Fiat Punto vorbei – durch die getönten Scheiben dringen dumpfe Techno-Beats.

Zur Lösung des Problems wird ein Gemeindeordnungsdienst diskutiert. De facto sei es schon heute so, dass freitags und samstags jemand patrouilliert und laute Jugendliche vertreibt. Baumann hält das für eine kostengünstige und effiziente Lösung. Law and Order im Flaachtal? Auf einem Polizei-Plakat vor der Gemeindekanzlei steht: «Gemeinsam gegen Einbruch – im Verdachtsfall anrufen», im Hintergrund schleicht eine dunkle Gestalt durchs Bild. Selbst auf die jüngeren Einheimischen muss das deplatziert wirken. Einer hat in bescheidener Grösse «Fuck off» auf das Plakat gekritzelt.

Dorfemer Dorfpolitik: parteilose Pragmatik

Nicht nur der Gemeindeordnungsdienst zeugt vom Dorfemer Pragmatismus in politischen Fragen. Neben dem offiziellen Weg, der sich in Gemeinderat, Kirchen- und Schulpflege konstituiere, gebe es in Dorf ganz eigene Hierarchien, erzählt Baumann. In bestimmten Familien und Clans werde vieles vorbestimmt, dort würden die Meinungen gemacht. Filz sei jedoch der falsche Begriff für diese Strukturen. Baumann spricht von einer «Form der Entscheidungsfindung, die sich hier erstaunlicherweise gehalten hat.» Eine ursprünglichere, bürgernähere Version der Demokratie also, die es erlaube, in gewissen Fällen die Vorschriften nicht allzu eng zu sehen. So sei vor einigen Jahren eine bosnische Familie trotz fehlender Deutschkenntnisse eingebürgert worden: «Wenn der Schweizer die Ausländer kennt, liebt er sie.»

Parteien gibt es in der Dorfpolitik keine – «Gewählt wird der, dem man es am besten zutraut», sagt Charlotte Bretscher. Die letzte Erneuerungswahl des Gemeinderats liegt noch nicht lange zurück: sechs Anwärter auf fünf zu vergebende Sitze. Zwischen den beiden Kandidaten mit den wenigsten Stimmen herrschte Patt und der vakante Platz wurde Hugo Schmidli zugelost. Da dessen Vater ebenfalls Hugo heisst und auf dem Wahlzettel kein Hinweis auf Junior oder Senior zu finden war, ist nun ein Rekurs hängig. «Das ist ein Problem im ganzen Flaachtal, in Volken heissen alle Erb oder Keller, in Berg alle Fehr und allein in Dorf gibt es drei Bretscher-Familien», schmunzelt die aus Zürich stammende Historikerin.

Ausgrenzung oder Wertkonservatismus

Was Charlotte Bretscher an Dorf weniger gefällt, ist die politische Ausrichtung vieler Bewohner und, natürlich, das Abstimmungsergebnis zur Minarett-initiative: «Wir wohnen hier in reinem SVP-Gebiet. Die Zürcher Linie wird stramm vertreten.» Den Eindruck, Dorf werde von Hardlinern bewohnt, möchte sie aber nicht aufkommen lassen: «Beim direkten Kontakt merkt man das nicht. Im Grunde lässt man sich leben.» Sie sieht eine für Nicht-Agglomerationsgebiete typische Konsensbereitschaft, man sei schliesslich aufeinander angewiesen und nehme daher Rücksicht.

Pfarrer Baumann, ein erklärter Gegner der Initiative, schlägt auf der Suche nach Ursachen auch selbstkritische Töne an: «Vielleicht hat sich die Kirche, vielleicht auch die ganze Gesellschaft zu wenig engagiert.» Er spricht zwar von einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber Fremdem, doch auch er hält Dorf nicht für ultra-rechtsbürgerlich. Als Baumann der Gemeinde nach der Abstimmung ins Gewissen redet, nehmen viele eine defensive Haltung ein. «Nach der Tat hält der Schweizer Rat», sagt er. Ändern lässt sich dann nichts mehr. Viele Dorfemer seien sehr liberal, manche auch links. Das verbindende Element sieht der Gemeindepfarrer in einem «gesunden Wertkonservatismus». Die Gründe für das Abstimmungsergebnis lägen aber tiefer: «Die heile Welt, die viele in Dorf sehen, soll bewahrt werden, aber die Bewohner werden mit den Problemen von heute konfrontiert.» Von den nach dem Krieg einmal 53 Landwirtschaftsbetrieben existieren kaum noch eine Handvoll. Die Bauern seien zum Teil auf Saisonarbeiter aus Polen angewiesen, schildert Baumann. Im Gegensatz dazu haben viele Junge für ihre Lehre weite Wege zu gehen – manche bis in den Kanton St. Gallen. Dass das lokale Gewerbe für die Mehrheit eine Lehrstelle anbietet, ist seit langem Utopie. «Das bewegt die Leute, dieser Wandel.» Bretscher drückt es anders aus: «Eigentlich möchte man hier nicht ausgrenzen, tut es dann aber trotzdem.»

Dass das 21. Jahrhundert in Dorf Einzug gehalten hat, wird gerade an den Rändern der Siedlung sichtbar. Moderne Einfamilienhäuser, davor polierte SUVs. Ein solarbetriebener Mäher dreht surrend seine Runden auf dem akkurat gestutzten Gartenrasen. Auf der Veranda dahinter steht das wohl einzige Zeichen arabischer Kultur in ganz Dorf: eine Wasserpfeife stattlichen Formats.