20.05.11 / Von grässlicher Schönheit

Von Luc-Etienne Fauquex.

Es ist ein Buch für die Toten; so steht es in der Widmung. Für 13,04 Tote pro Minute, um genau zu sein. Das scheint Dir zu buchhalterisch? Stell Dir vor, 13 Personen aus Deinem Familien- und Freundeskreis sterben innerhalb einer Minute. Und das vier Jahre lang! So viele Menschen hat Maximilian Aue auf dem Gewissen: Als Hauptfigur in Jonathan Littells Roman «Die Wohlgesinnten» erzählt er rückblickend von seiner Karriere in der Waffen-SS.

Der Buchenwald-Überlebende und Schriftsteller Jorge Semprún befand: «Ich war wie erschlagen von diesem unglaublichen Buch. Es ist das Ereignis unserer Jahrhunderthälfte.» Und damit hat er Recht. Selten wurde die Banalität des Bösen eindrücklicher veranschaulicht. So beteiligt sich Max Aue in der Ukraine an einem der abscheulichsten Massaker der Geschichte und meint anschliessend: «Ich bereue nichts, ich habe meine Arbeit getan. Das ist alles.»

Das Buch ist nichts für zarte Gemüter. Es wird gefickt, gefoltert, gemordet. Seitenweise spritzen Blut, Gehirnmasse und Sperma, während die gute Gesellschaft beim Gala-Dinner über die Grammatik von Bergjuden sinniert. Perverser Exzess trifft auf salonfähige Raffinesse, lustvolles Morden auf nüchterne Bürokratie, Körperflüssigkeiten auf Gedankengebäude. Aue verkörpert beides: das Feuchte und das Trockene.

Das Unfassbare an «Die Wohlgesinnten»: Trotz allen Übels erwischt sich der Leser immer wieder dabei, wie er mit Aue sympathisiert, seine Schandtaten verdrängt, auf seine Beförderung hofft – und schämt sich dafür. Doch die qualvolle Frage bleibt: Bin ich wirklich besser? «Ich bin ein Mensch wie alle anderen, ein Mensch wie Du», spricht Aue den Leser direkt an. «Die gewöhnlichen Menschen … , das ist die echte Gefahr. Die echte Gefahr für den Menschen, das bin ich, das bist Du.»

Littells kontroverses Werk kann nicht auf eine Beschreibung des Nationalsozialismus aus der Täterperspektive reduziert werden; es hat die Breite eines russischen Romans und die Tiefe einer griechischen Tragödie. Dieses Buch sprengt die Grenzen der Literatur. Aus dessen Seiten erschallen beklemmende Töne, die an Beethovens Fünfte erinnern: So pocht das Schicksal an die Pforte. Der Leser kann die Unausweichlichkeit des Unheils hören.

«Die Wohlgesinnten»? Ein Buch, komponiert wie eine Symphonie des Schreckens – von grässlicher Schönheit.

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