Zu was taugt das Studium an der HSG noch?
Archivierter Artikel von Ausgabe «prisma 324 - Diktatur» (09.11.2009)
Man findet viele der erforderlichen Eigenschaften für einen Diktator in dem Goody-Bag unserer renommierten Universität: eisenstarke Ambitionen, charismatische Persönlichkeiten, Mangel an jeglichem Gewissen …
Auch die externen Umstände sind momentan optimal, denn mit der Ressourcenknappheit und dem Klimawandel ist das Managen von Notfällen zum heissen Markt geworden. Dieser bringt eine ständig wachsende Flut an neuen Desastern mit sich, die man durch rationales, profitgeiles Handeln ausnutzen kann.
Wo dann also bleiben die hysterischen Massen, die Mengen an treu gläubigen Proletariern, die im Chor unsere Namen schreien vor Ekstase?!
Mangelhaftes Kursangebot
Teilweise liegt das Problem darin, dass wir zu nüchtern unterrichtet werden. «HSG students: leaders of tomorrow»?! Im Singular würde es noch stimmen, aber der Plural ist abträglich. Und anstatt uns die Zitrone mit spezifischen Strategieanalysen vollzustopfen, wie man IKEA am besten entwickeln sollte (Bonaparte ging übrigens zu Jean-va’Jean, dem ursprünglichen Conforama Möbelshopping), sollten wir doch im Stande sein, klare Militärstrategien zu erfassen und gut zu befragen/foltern. Ziel sollte es sein, Mittel und Wege zu beherrschen, das Volk davon zu überzeugen, sich für die Umweltspähren des St. Galler Management-Modells sensibilisieren zu wollen. Dafür wäre es hilfreich, Doktrinen und Propagandaprogramme auf die Beine stellen zu können. Businessplan mal anders. Ab dem zweiten Jahr beherrscht ausserdem jeder die Kunst der brauchbaren Präsentationen. Doch wer kann mit einer Rede Millionen von Menschen bewegen? Letztlich wird an der HSG zu wenig Wert auf Kreativität gelegt. Ein Student, nach seinem Plan gefragt, wie er die Welt zu erobern gedenkt: «Massenhaft Geld anhäufen.» - Sieht denn niemand die Wichtigkeit der schöpferischen Tätigkeit?! Wie soll man so neoliberal altbacken seine Ideale einer leidenden Nation aufzwingen? Merke: Ein Diktator muss kreativ sein, auch wenn es dabei nur um das Motiv seiner neuen Flagge geht.
Was nehmen wir nun mit auf den Weg?
Wir werden zu bescheiden unterrichtet. Wir sehen die Welt zu klein, mit zu niederen Ansprüchen. Ja – absolut sollten sie sein!
Zur Erinnerung:
Hitler verliess die Schule ohne höhere Qualifikation, wie auch Saddam Hussein. Stalin schaffte es nie, Priester zu werden, und verliess das Studium aus purem Neid zu Gott.
Es kommt also nicht auf unser Diplom an.
Unser ganzes Studium basiert auf realen Fakten. Aber wen interessiert schon die bestehende Realität? Es geht vielmehr darum, sie neu zu erschaffen!
Mal ehrlich, wenn wir schon lernen, wie man Mitarbeiter ausbeutet, warum dann nicht auch gleich eine ganze Nation? Warum lernen wir das A und O der Finanzkrise und wissen sie nicht auszunutzen? Die Grossen haben mit einem Viertel unseres Wissens die Welt erobert!
Hier ein paar Tipps für die erfolgreiche Karriereplanung
Wenn man erst an der Macht ist, kann man sich endlos selbst befördern. So wurde M. Gaddafi zum Colonel, Idi Amin ein deputierter Kommandeur der Armee, und bei seiner Kaisernominierung hat sich Bonaparte schliesslich noch selber die Krone auf das Haupt gesetzt. Es ist nicht die Universität, die uns einen Titel zuschreiben sollte. Sie sollte uns bloss helfen, es selber zu tun.
Also, nicht vergessen: Man erschafft einen Feind; der Mythos um ihn muss dabei angsteinflössend genug sein, dass man dessen «Freunde» (irgendwelche Art Oppositionsvertreter) dann laufend eliminieren kann. (Die Uni müsste dringend den Kurs «Oppositionsmanagement» anbieten.)
Denn man ist gottgesandt, man zwingt nichts auf, man steht selbstlos der Nation mit seiner uneingeschränkten Hilfe bei, man möchte sie erlösen. (Pflichtlektüre hierfür sollte sein: «Projekttarnung – wie ich einen Staatscoup in einer Revolution verkleidet habe» mit Insidertipps von Bolschewiken.)
Schlussendlich kann man jedoch sagen, dass das Studium an der HSG Potenziale birgt. Es kommt nur darauf an, sie auszunutzen ... Der Fürst von Liechtenstein hat schliesslich hier studiert; ein Anfang wäre gemacht.
Albertine Schellenberg
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