
Komm zur Ruhr
Archivierter Artikel von Ausgabe «prisma 329 - Traum» (18.10.2010)
Das Ruhrgebiet ist dieses Jahr europäische Kulturhauptstadt. Doch das ist nur einer von vielen Gründen, diese aussergewöhnliche Region zwischen Essen, Dortmund und Duisburg zu besuchen.
Jahrhundertelang hatte es geschlagen. Es hatte mit mächtigen Schlägen pulsiert und Deutschland selbst durch Kriege hindurch immer am Leben gehalten. Es war über zwei Jahrhunderte das industrielle Zentrum einer ganzen Nation.
Doch heute hat es längst aufgehört zu schlagen, das Herz. Der Puls ist versiegt. Die Stahlhämmer stehen still. Von ehemals 3‘200 Zechen im Ruhrgebiet fördern heute nur noch vier das schwarze Grubengold an die Oberfläche. Zwar rauchen die Schornsteine nach wie vor, doch was sie anfeuert, kommt nicht aus Essen oder Bochum, sondern mit dem Seefrachter aus China. Kohle und Stahl hatten die Region hochgebracht, berühmt gemacht und schliesslich im Stich gelassen.Doch was die wahre Stärke des Ruhrgebiets auszeichnet, ist die Art und Weise, wie es mit diesem scheinbar unersetzlichen Verlust umgegangen ist. Keine Spur von Flucht und Verlassenheit. Keine Spur von Resignation. Die Menschen sind geblieben. Aus Liebe und Verbundenheit zur Region. Und weil man viele Fehler nicht gemacht hat. Spät, aber rechtzeitig wurde in Bochum 1962 die erste Universität gegründet. Heute sind die Ruhrunis sowohl im technischen als auch im musisch-künstlerischen Bereich führend in Deutschland. Und das alles ohne Solidaritätszuschlag.Industrie und Kultur imEinklangVor allem ist da aber die Industriekultur. Ein Begriff, der für das Ruhrgebiet erfunden worden sein muss. Denn nichts trifft die einzigartige Symbiose von industriellem Gefäss und kulturellem Inhalt besser. So kann im ehemaligen Gasometer in Oberhausen noch bis Jahresende eine beeindruckende Ausstellung über das Sonnensystem bestaunt werden, die bereits Schauplatz eines «Tatorts» war. Auf der Zeche «Zollverein» in Essen, einer der grössten ehemaligen Kohleförderanlagen, befindet sich seit Anfang des Jahres das neugestaltete Ruhrmuseum auf der Zeche Zollverein , der ideale Einstieg für jeden, der mehr über die Geschichte der Region erfahren möchte. Wenn man sich danach an dem kleinen Stand auf dem Zechengelände noch eine Currywurst gönnt, ist das Pott-Feeling perfekt! Das Musical «Starlight Express» ist den Weg nach Bochum auch nach über 20 Jahren Laufzeit und einem Weltrekord von über 13 Millionen Zuschauern immer noch wert.Metall und RostNirgendwo sonst sieht man so viel Metall und so viel Rost in solch einer Anmut. Wer nicht dort war, kann es nicht verstehen.Im Erdkundeunterricht haben wir gelernt, was Strukturwandel bedeutet; im Ruhrgebiet spürt man ihn mit jeder Faser seines Körpers. Man sieht ihn wachsen auf den Abraumhalden, die heute mit ihrem satten Grün in krassem Kontrast stehen zum trüben Grau der letzten Jahrhunderte. Man fühlt ihn als Fahrtwind auf der Haut, wenn man durch die Wälder rund um die Emscher radelt. Und man riecht ihn. Man atmet reine Luft, die jedes Klischee von russgeschwärzten Häusern und abgasverseuchten Städten vergessen sein lässt. Denn das Ruhrgebiet überzeugt nicht nur mit kulturellen Highlights, es bietet auch genügend Raum zur Regeneration. Rund um die ehemaligen Halden entstehen fast täglich neue Rad- und Inlineskatingstrecken. Im Landschaftspark Duisburg-Nord kann man in einem ehemaligen Gasometer tauchen; der einstige Erzbunker wurde zur Kletterhalle, das angrenzende Stahlwerk zum Hochseilparcours umfunktioniert. Was man sich als Sportfan bei einem Besuch im Ruhrgebiet ausserdem niemals entgehen lassen darf, ist der Gang ins Fussballstadion. Selbst Fussballverweigerer kapitulieren im Dortmunder Westfalenstadion vor der Kulisse von über 80‘000 Zuschauern. Hier, wo das Herz noch schlägt.Über fünf Millionen Einwohner Die Metropole Ruhr ist von so viel Leben erfüllt wie niemals zuvor. Eine Region definiert sich schliesslich nicht über ihre Industrie, sondern über die Menschen, die in ihr Leben. Und in diesem Fall sind es viele. Über fünf Millionen Bewohner mit einer Vielfalt an Kulturen, die ihresgleichen sucht. Denn auch die Arbeiter aus dem Ausland, die in den industriellen Hochzeiten kamen, sind geblieben. Hier stört sich keiner an Minaretten. Die Dönerbuden stehen in Einklang neben dem Currywurstimbiss, als wäre es nie anders gewesen. Das ist aussergewöhnlich in Europa.Der Ruhri ist jedoch kein einfacher Mensch, er hat eine harte Schale und oft auch mal keinen weichen Kern. Doch wenn man auf die Menschen zugeht, sie knackt und mit ihnen redet, sind sie ein beeindruckendes Volk. Sie sind offen und sie erzählen gerne. Und sei es nur der neuste Tratsch aus der benachbarten Kleingartenanlage.Infos
Hin- und Rumkommen: Von Basel oder Zürich fährt man mit dem Europa-Spezial der Deutschen Bahn schon ab 39 € ins Ruhrgebiet. In der Metropole selbst empfiehlt sich bei stets verstopften Autobahnen das umweltfreundliche Fahrrad oder der öffentliche Nahverkehr. Mit dem RUHR.2010 Ticket fährt man 48 Stunden für 19 €.
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Übernachten: Im Aleppo in Bochum, unweit des Bergbaumuseums, bleibt dem Besucher die Wahl zwischen Hotel und Hostel selbst überlassen, Übernachtungen gibt es für 18-36 €/Pers. Ebenfalls im Herzen des Ruhrgebiets liegt das In Hostel Veritas, das mit individueller Betreuung wirbt, Übernachtungen für 15-25€/Pers.
Programm des Kulturhauptstadtjahres



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