
Die Quote lügt nicht
Archivierter Artikel von Ausgabe «prisma 331 - Fernsehen» (13.12.2010)
«Free Rainer» ist ein schlechter Film. Den man gesehen haben sollte.
Der Film «Free Rainer – Dein Fernseher lügt» zeigt die TV-Welt in all ihrer brutalen Härte. Eine Welt, in welcher die Zuschauer nur als «opportunistisches Pack», als minderbemitteltes Empfangsmedium verstanden werden, die – den Burger in der Linken und die Fernbedienung in der Rechten – schon lange nicht mehr vom Sofa hochkommen. Moritz Bleibtreu gibt in diesem sich selbst inszenierenden Paralleluniversum den skrupellosen TV-Produzenten, der von seinem Job so zerstört ist, dass er erst am Steuer seines Maseratis die Wodkaflasche ansetzt, bevor er das Fahrzeug im Suff eigenhändig mit dem Baseballschläger zerlegt.
Video auf Yoututbe anschauen Trotz einer schönen Frau, einer Bilderbuch-Karriere und einem Arsch voll Geld kann er sein Leben nur mit jeder Menge Koks ertragen. «Die Leuten wollen Titten sehen und Steuern sparen» Dieses zieht er sich mit dem Regisseur seiner neuen Sendung «Hol dir das Superbaby» sogar noch direkt vom Mischpult rein, bis das Blut aus der Nase läuft. Anders wäre die Castingshow für Spermien wahrscheinlich auch nicht zu ertragen. Natürlich mag diese Darstellung der Fernsehwelt überzogen sein, aber dass beim Fernsehen alle friedlich im Kreis sitzen, sich die Hände geben und «Kumbaya» singen, glaubt ja nun wirklich keiner, der aus dem Sandmännchen-Alter raus ist. Auf dem Höhepunkt der Satire nimmt der Film schliesslich eine vorhersehbare Wendung. Rainers Leben wird durch einen Autounfall über den Haufen geworfen, in dessen Folge der Produzent seine persönliche Erleuchtung findet. Als nach seiner Bekehrung der erste Versuch einer seriösen Sendung an miesen Quoten scheitert, macht sich Rainer daran herauszufinden, wie diese überhaupt zustande kommen. Video auf Yoututbe anschauen Nach Aussagen des Regisseurs Hans Weingartner beruhen die hier dargestellten Umstände auf Tatsachen: So werden die Fernsehquoten in Deutschland von gerade einmal 5000 «repräsentativen» Haushalten bestimmt, was bedeutet, dass rund 13000 Personen für das Programm von 80 Millionen Zuschauern verantwortlich sind. Dabei werden die Boxen zur Quotenmessung weder bei Ausländern noch bei Gebührenprellern aufgestellt, wobei letztere um die 20 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. «Man zeigt den Leuten einfach so lange Dreck, bis sie nur noch Dreck sehen wollen.» Von da an beginnt Rainers Kampf gegen die Quote. Er beginnt, mit einer Gruppe von Arbeitslosen die Quotenmessung so zu manipulieren, dass es den Anschein hat, als würde die Mehrzahl der Zuschauer nur noch bei kulturell hochwertigen Sendungen einschalten. Obwohl ein bisschen Revolution in der Luft liegt und viele der Einstellungen im Film an die 68er erinnern, kommt nie so wirklich Hochstimmung auf. Auch nicht, als durch Rainers Aktion ein intellektueller Frühling im Land ausbricht und die Leute plötzlich nur noch Fassbinder schauen und Fontane lesen. All das wirkt zu einfach, zu schnörkellos, und die Grenzen zwischen ernst gemeintem Message-Film und Mediensatire verschwimmen zunehmend. Ob die kleine Gruppe von Revolutionären nur eine kurzfristige Mode geschaffen hat oder ob der Trend anhält, bleibt am Ende offen. Was für den Zuschauer bleibt, ist die äusserst schwache Inszenierung einer wirklich guten Idee, die es verdient hatte, etwas eingehender beleuchtet zu werden. TrailerVideo auf Yoututbe anschauen

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