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«Balsam für die Seele»

Der Musikstudent Mathias Inoue über klassische Musik im Zeitalter des Kommerzes, den Preis des Erfolgs und die Schatten seiner Vergangenheit

Von Luc-Etienne Fauquex.

Ich treffe Mathias in einer Basler Kaffeebar. Viel Lärm, wenig Charme. Sein nachdenklicher Blick kontrastiert mit seiner jugendlichen Erscheinung.

Heutzutage interessiert sich nur noch eine ältere, gutbürgerliche Bevölkerungsschicht für klassische Musik. Dienst du lediglich der Unterhaltung von alten Spiessern?

Ich habe eher das Gefühl, dass ich den Leuten klassische Musik wirklich näherbringen kann.

Auch jungen Leuten?

Speziell den Jungen. Prinzipiell wären sie offen dafür. Viele haben aber keinen Zugang dazu. Man hört ja eher selten klassische Musik im Ausgang. Wenn aber ein Freund diese Musik spielt, geht man eher an ein Konzert und befasst sich damit.

Siehst du das vielleicht als ...

Meine Mission? Ja, aber nicht nur für die Jungen.

Was kann die klassische Musik einem HSG-Studenten bringen?

Ich glaube, dass ein weiter kultureller Horizont jedem Menschen etwas bringt. Man sollte offen gegenüber anderen Dingen sein, sich damit beschäftigen. Dann kann man sich eine eigene Meinung bilden. Insofern bringt es einem Wirtschaftsstudenten schon etwas, klassische Musik zu hören, weil es zur Allgemeinbildung gehört und einen anderen Blick auf die Welt ermöglicht.

Ist klassische Musik nicht eine abgehobene Träumerei? Letztendlich zählt doch nur die wirtschaftliche und politische Realität.

Man kann schon mit diesem Gedanken leben. Aber es wäre ein trauriges Leben. Niemand sollte auf Musik verzichten, auch auf klassische nicht. Sie gehört zum Leben, zum Alltag. Man kann sich mit der Musik identifizieren, sich selber trösten. Menschen, die Musik gegenüber nicht offen sind, das sind sehr harte Menschen.

Klassische Musik ist doch heute zu einem Business wie jedes andere geworden. Mit Stars und Sternchen. Mit immensen Marketingbudgets. Hat sie ihre Seele verkauft?

Ein Stück weit schon. Heute ist alles kommerzialisiert, ein grosses Geschäft. Es ist eine Maschinerie, sie entfremdet den Sinn der Musik. Umso wichtiger ist es, dass man als Musiker versucht, eine ehrliche Aussage zu machen und Menschen zu berühren.

Soll Musik eine Botschaft vermitteln?

Musik soll in erster Linie ästhetisch sein und schön klingen. Es soll angenehm sein zuzuhören, man soll sich nicht dazu zwingen müssen. Darum mag ich auch die neuere klassische Musik nicht. Sie ist nicht ästhetisch.

Eine schöne Form ist also wichtiger als eine Botschaft?

Ja.

Ist das nicht ein wenig oberflächlich?

Nein, Musik soll Balsam für die Seele sein. Das ist doch nicht oberflächlich.

Du hast bereits viele Auszeichnungen gewonnen. Was ist für dich Erfolg?

Es freut mich natürlich sehr, wenn ich einen Preis gewinne und geehrt werde. Das ist der Erfolg für die harte Arbeit. Eine andere Art von Erfolg ist, wenn man die Leute berühren und bewegen kann. Das ist eine Bestätigung des eigenen Empfindens, der eigenen Schöpfung. Dieser Erfolg ist der grössere von beiden, er verschafft eine grössere Befriedigung.

Du warst früher in einer Sonderklasse, hattest zusätzliche Unterrichtsstunden und Konzerte. Da bleibt nicht viel Platz für Freunde oder Freizeit. Ist das der Preis des Erfolgs?

Vermutlich. Ich hatte wenig Zeit, um beispielsweise mit Freunden auszugehen. So etwas musste genau eingeplant werden. Und weil ich oft üben musste, war das natürlich nicht immer möglich.

Will man da als Teenager nicht ausbrechen, revoltieren, nach der Freiheit greifen?

(lächelnd) Nein. Ich habe mein Leben nie wirklich als Einengung wahrgenommen. Am Anfang musste ich nur ab und zu üben, dann ist es immer mehr geworden. Aber das ist von alleine gekommen, von mir aus. Ich habe es immer als normal empfunden.

Kam für dich nie etwas anderes als Musik in Frage?

Dass ich Musik spiele, hat sich natürlich ergeben. Für mich ist es immer klar gewesen. Ich habe darum nie in Erwägung gezogen, etwas anderes zu machen.

Du hast schon als Fünfjähriger mit Violinunterricht angefangen. Deine Eltern waren beide Musiker. Hattest du nie das Gefühl, dass man dich zur Musik gedrängt hat?

Ich glaube, für Kinder ist es generell schwierig, an etwas zu bleiben, das sie angefangen haben. Dann ist es die Aufgabe der Eltern zu schauen, dass es weitergeht. Im Nachhinein habe ich nicht den Eindruck, gezwungen worden zu sein.

Dein Vater ist im Juni gestorben. Hat das deine Art, Musik zu verstehen und zu spielen, verändert?

Es könnte zu einem immer stärkeren Einfluss werden. Mein Vater hat mich sehr gefördert als Kind. Ich habe es damals nicht immer verstanden, wieso ich mehr üben musste als alle anderen. Mit der Zeit verstehe ich ihn jedoch besser. Sein Tod ist eine Art Bestätigung, dass ich in der Musik bleiben soll. Es ist jetzt noch stärker mein eigener Wunsch geworden, weil ich weiss, er hätte es gewollt.

Kannst du den Tod zum Teil mit der Musik verarbeiten?

Ja. Es hat mir geholfen, dass ich mich kurz nach seinem Tod auf die Musik konzentrieren konnte, mit dem Üben und an der Hochschule. Es wäre nicht gut gewesen, wenn ich kein musikalisches Projekt gehabt hätte, wenn ich nichts hätte unternehmen können.

Dein Vater kam aus Japan. Spielt deine Herkunft eine Rolle, wenn du Musik spielst?

Rein vom Denken her nicht. Ich habe eher gewisse biologische Vorteile dank meiner japanischen Seite.

Biologische Vorteile?

Man sagt ja von Asiaten, dass sie flinke Finger haben und geschickt sind mit ihren Händen. Das habe ich von meinem Vater geerbt, er war auch sehr flink. Natürlich hatte ich auch einen einfacheren Zugang zur japanischen Kultur.

Du studierst an der Musikhochschule Basel das Hauptfach Violine. Was gefällt dir besonders am Studium?

Dass ich mich ausschliesslich mit Musik auseinandersetzen kann. Es ist zwar ziemlich streng, weil ich das zweite und dritte Jahr zusammen mache. Aber es gefällt mir gut.

Neben der Geige spielst du noch Klavier und komponierst selber Musik. Besteht da nicht die Gefahr, dass du vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr siehst?

Ich fokussiere mich auf die Geige. Das Klavier brauche ich eher, um nebenbei etwas anderes spielen zu können, da muss ich nicht so sehr daran arbeiten. Für Klavier hat es Zeit, wenn es Zeit hat.

Und was bringt dir das Komponieren zusätzlich zur Interpretation?

Es ist einfacher zu begreifen, was andere Komponisten gemacht haben. Das kann man mit Dichtung vergleichen. Wenn man gerne Gedichte liest, ist das schön und gut. Aber nur wenn man sie selber schreibt, versteht man den formalen Aufbau genau. Man kann nachvollziehen, wie der Dichter sein Gedicht geschrieben hat.

Bevorzugst du einen Komponisten?

Ich habe Mozart am liebsten. Es ist die Musik, die mir am meisten entspricht.

Mathias Inoue, 20, studiert an der Musikhochschule Basel und wird im Sommer seinen Bachelor abschliessen. Er tritt regelmässig als Solist oder mit Orchester in Konzerten auf. Er hat zahlreiche Auszeichnungen in Violine, Klavier und Komposition gewonnen. Vor kurzem hat er den Preis der Basellandschaftlichen Kantonalbank erhalten. Über seine Homepage www.mathiasinoue.ch kann er auch für private Auftritte gebucht werden.

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