
Toilettenpausen liegen beim Daytrading nicht drin
Umso überraschter sind wir, als uns ein gross gewachsener, sportlicher und äusserst sympathischer Student die Türe öffnet. In gemütlicher Atmosphäre bei einer Tasse Kaffee plaudert er dann auch gerne aus dem Nähkästchen.
Wie bist du zu deinem doch eher aussergewöhnlichen
Hobby, dem Trading, gekommen?
Angefangen habe ich mit elf Jahren.
Ich war mit meinem Onkel unterwegs, als
eine ausserordentliche Meldung im Radio
bezüglich der Aktienkurse mein Interesse
weckte. Als kleiner Junge wollte ich nicht
für 20 Jahre mein Geld irgendwo investieren,
ich wollte schnelle Erfolge sehen,
Spannung und Action. Ich wollte und will
permanent am Markt sein und meine
Aktien nicht jahrelang rumliegen haben,
ohne dass etwas passiert. Ich fing also an,
mir Gedanken darüber zu machen, wo
ich einsteigen könnte. Mich interessierten
vor allem der Technologiesektor und die
damaligen Neuheiten wie die Intel Dual-
Core Prozessoren, die Playstation von
Sony, Nintendo, Xbox etc.
Obwohl diese kleinen Investitionen grossen Spass gemacht haben, bemerkte ich schnell, dass die Börse anders tickt und man mit Zahlen und Fakten der Unternehmung nicht weit kommt. Je kleiner nämlich der Handelszeitraum, desto realitätsferner sind die Kursverläufe. Die Börse ist regelrecht losgelöst von der realen Wirtschaft, es ist unglaublich. Also habe ich angefangen, mich auf historische Daten, Regelmässigkeiten und weitere Faktoren zu konzentrieren, die mir die Möglichkeit gaben, Kursverläufe vorhersagen zu können. Für mich ist somit überhaupt nicht wichtig, was die Unternehmung macht, die ich analysiere. Mit der Chartanalyse habe ich die Möglichkeit, verschiedenste Zeiträume und jegliche Märkte unter die Lupe zu nehmen, Regelmässigkeiten zu erkennen und danach zu handeln, ohne dass ich ein Unternehmen wirklich kenne.
Wie vertragen sich Studium und Trading?
Wochentrading und Trading auf
Drei-Tage-Basis vertragen sich sehr gut
mit der Uni, wohingegen Daytrading oft
mehr als zehn Stunden pro Tag in Anspruch
nimmt. Das ist natürlich, ausser
in den Ferien, nicht möglich. Eine andere
Möglichkeit, doch am Daytrading teilzunehmen,
ist das Entwickeln von automatisierten
Handelssystemen. Ich habe
ein Praktikum gemacht, bei dem ich
das Programmieren solcher Handelssysteme
mit Hilfe der Software Metatrader
gelernt habe. Der Computer übernimmt
so einen Grossteil der Arbeit und man ist
nicht mehr gezwungen, die ganze Zeit
vor dem Bildschirm zu sitzen.
Was unterscheidet deine Arbeit an der
Börse von den Spekulationen eines
Laien?
Laien haben eine sehr geringe
Markttiefe und vertrauen den Medien
und Analysten zu stark. Sie handeln
sehr emotionsgesteuert, wohingegen
ich eine höhere Markttiefe mittels Level
1- und Level 2-Daten habe. Ich analysiere
Kursverläufe mittels Indikatoren,
zusätzlichen Daten, verschiedenen Darstellungsformen
und in verschiedenen
Zeiträumen. Durch diese Instrumente
kann ich die Psychologie des Marktes
besser erfassen und interpretieren. Das
alles sind Tools, die der breiten Masse
natürlich nicht zur Verfügung stehen,
was Spekulationen zu einer heiklen Angelegenheit
macht. Den Erfolg bringt
schliesslich ein gutes Handelssystem
und perfektes Money-Management.
Mit was für Risiken wirst du im Forex beziehungsweise
Devisenhandel konfrontiert?
Man könnte sagen, dass der Forexhandel
der «Wild Wild West» der Finanzmärkte
ist. Er ist überhaupt nicht reguliert
und kurzfristig sehr unberechenbar. Zusätzlich kommt der Verschuldungsgrad,
der Leverage, von 100 hinzu. Gehe
ich nun mit 1'000 Franken und einem Leverage
von 100 in den Markt, investiere
ich schlussendlich 100'000 Franken. Die
restlichen 99'000 Franken werden mir
vom Broker zur Verfügung gestellt. Geht
die Devise zum Beispiel um ein Prozent
hoch, verdoppelt sich dein Geld, geht sie
jedoch um ein Prozent runter, verlierst
du alles. Ich gehe somit eigentlich mit
Geld in den Markt, welches ich gar nicht
habe. Wenn das einem bewusst wird,
kann das schon beängstigend sein. Oder
ein anderes Beispiel: Als Hildebrand den
Kurs des Frankens gegenüber dem Euro
auf 1.20 festgelegt hat, ging der Kurs um
neun Prozent hoch. Das scheint auf den
ersten Blick toll, jedoch gab es innerhalb
dieser Steigerung immer wieder kleinere
Einbrüche. Wenn man nun den höchsten
Punkt vor einem solchen Einbruch
erwischt und das Ganze geht ein halbes
Prozent runter, hat man schon die Hälfte
verloren. Nicht so lustig …
Worin siehst du den Nutzen respektive
die Wertschöpfung deiner Arbeit?
Grundsätzlich haben Unternehmen
ein Interesse daran, dass sie über liquide
Titel verfügen. Das heisst, dass sie
diese bei Bedarf schnell flüssig machen
können. Wir Daytrader bringen die nötige
Liquidität in den Markt, sodass die
Transaktionskosten beim Kauf einer Aktie
sinken. Je mehr gehandelt wird, desto
kleiner wird der Unterschied zwischen
Ankauf und Verkauf.
Kannst du dir vorstellen, das Ganze
hauptberuflich zu machen?
In der momentanen Situation der
Occupy-Bewegung mache ich mir ernsthaft
Gedanken, ob das wirklich das Richtige
für mich ist. Schon alleine die Masse
an Geld, mit der kurzfristig in einem realitätsfremden
Umfeld gehandelt wird, ist
realwirtschaftlich aufgrund des hohen
Risikos eigentlich nicht tragbar. Der Job
ist sehr intensiv und man muss immer zu
100 Prozent bei der Sache sein. Sogar zu
lange Toilettenpausen liegen beim manuellen
Handeln nicht drin. Drei Minuten
auf der Toilette können dann schnell
mal Tausende von Franken kosten.
Auf der anderen Seite begleitet mich die Thematik schon seit ich elf Jahre alt bin und sie hat mich seit damals nicht mehr losgelassen. Ich höre auch von vielen Leuten: «Schau Mike, du hast in deinem jungen Alter schon zwei Crashs miterlebt und dadurch viele wertvolle Erfahrungen sammeln können. Du kennst die vollständigen Zusammenhänge noch nicht, aber du triffst intuitiv die richtigen Entscheidungen.» Letzten Endes ist das, wie wenn man mit acht oder neun Jahren anfängt Tennis zu spielen – ich lerne jeden Tag dazu und es macht mir wahnsinnig Spass.
Wo siehst du dich in fünf bis zehn Jahren?
Das kann ich so konkret zurzeit
noch nicht sagen. Ich bin mir auch nicht
sicher, ob die HSG für das, was ich machen
will, die richtige Entscheidung war.
Schaut man in die erfolgreichen Finanzboutiquen,
sieht man viel eher PhDs der
Naturwissenschaften und keine oder
nur wenige BWLer und VWLer. Ich überlege
mir deshalb, mich nach meinem
VWL-Studium hier in St. Gallen mehr im
quantitativen Bereich zu spezialisieren,
wenn möglich im Ausland.
Ich sehe mich in nächster Zukunft auch eher im Rohstoff- und Energiehandel, da diese Märkte noch nicht so weit liberalisiert wurden. Wenn ich eine Aktie von Siemens kaufe, weiss ich oft nicht, was ich da genau handle, es ist nicht konkret bestimmbar. Kaufe ich hingegen ein Barrel Öl, weiss ich genau, womit ich handle. Rohstoffe sind viel greifbarer und werden in naher Zukunft sicher ein grosser Trend werden.
Und: Wer mehr zum Thema Daytrading erfahren möchte, sollte sich auch einmal bei RuMaS umschauen.
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