Die berühmte «Suche nach sich Selbst», die auf den ersten Blick vielleicht nur die Esoteriker und Aussteigertypen unter uns anspricht, betrifft jeden von uns. Die kathartische Wirkung einer Selbstreflexion trifft aber unterschiedlich ein

editation, neue Ernährungstrends und exotische Reisen sind momentan in aller Munde, dahinter steht häufig nur ein Ziel: sich selbst zu finden. Jeder möchte wissen, wer er ist, wie er sich verbessern kann, und wie andere einen wahrnehmen. Selbstfindung gilt als Megatrend. Dabei geht es nicht nur darum, sich selber so zu akzeptieren, wie man ist, sondern auch aus seiner Wirkung auf andere das Beste rauszuholen.

Tor zur Selbstliebe und Traumjob

Beschäftigt man sich eingehend mit sich selbst, kommt man sich näher und lernt sich besser kennen. Diese Wahrnehmung von sich selbst, von seinem eigenen Ego, bestimmt, wie wir über uns denken, wie wir handeln und uns ausdrücken. Unser eigenes Selbstbild wirkt wie eine Brille, durch welche wir unser Leben und die Dinge, die uns alltäglich geschehen, bewerten und sie als positiv oder als negativ einstufen.
Nur wenn man sich selbst richtig wahrnimmt, kann man seine Eigenschaften, Angewohnheiten und manchmal auch seine Denkweisen effizient verändern.
Die Fremdwahrnehmung hingegen entwickelt sich aufgrund der Bewertung von Sprache, Gestik, Verhalten und dem äußeren Erscheinungsbild anderer von einer Person und wird, ob bewusst oder unbewusst, schon beim ersten Treffen eingeschätzt. Allein durch diese ersten Eindrücke von einer Person entsteht Antipathie oder Sympathie für ein Individuum beim Gegenüber. Dieses Fremdbild wirkt als Entscheidungsraster für andere und lässt uns darüber entscheiden, mit wem man befreundet sein will, neben wen man sich im Bus oder Zug setzt und welcher Kandidat den Job bekommt.

Die erfahrene Nestwärme und das Ego

Woher kommen jedoch diese Sichtweisen auf sich selbst, die bei jedem anders sind? Zu einem sind unterschiedliche Selbstbilder auch darin begründet, dass Menschen sich in ihren Eigenheiten wirklich unterscheiden. Doch den Blick auf sich selbst wird auch durch Erfahrungen und Erlebnisse gebildet. Das Erkennen des eigenen Selbstbilds geschieht durch die Identifikation mit unserem Körper und den Eindrücken, die wir sammeln, wenn wir mit unseren Sinnen unsere Umwelt und ihrer Reaktion auf uns selbst wahrnehmen.
Es fängt bereits in der Kindheit an: Kinder werden unterschiedlich erzogen; während die einen häufig gelobt werden und deswegen eine positive Selbstwahrnehmung entwickeln, werden andere Kinder weniger unterstützt und haben aufgrund dessen ein negativeres Bild von sich selbst. So bildet sich in der Kindheit schon früh aufgrund der erfahrenen Wärme und Sicherheit im Nest der Eltern ein Selbstverständnis heraus, das fortan auch auf die Bewertung neuer Erfahrungen einwirkt.
Wenn sich früh eine eher negative Selbstwahrnehmung herausbildet, kann jedoch auch Mobbing schuld daran sein. Wenn ein Kind gemobbt wird, leidet sein Selbstwertgefühl darunter, oft glauben Kinder diese fiesen und abwertenden Kommentare sogar. Dies kann das Bild, welches sie von sich selbst haben, stark ins Negative beeinflussen.
Das Selbstbild basiert nie auf einer neutralen, objektiven Auswertung der Gesamtheit aller positiven und negativen Erlebnisse eines Menschen, sondern jedes Urteil über sich selbst wird wiederum gebildet durch die Brille des eigenen Selbstverständnisses. Negative Erfahrungen können, auch wenn sie im eigentlichen Leben des Individuums eine Ausnahme darstellen, eine Vielzahl von positiven Momenten überschatten und beim einzelnen Menschen falsche Vorstellungen auslösen, die sich aus seinem Unterbewusstsein nicht mehr so einfach löschen lassen. Durch die eigene emotionale Verbundenheit mit sich selbst lassen sich falsche Selbstbilder, sogenannte blinde Flecken der eigenen Wahrnehmung, fast nicht vermeiden.

Zwischen traditionellen Rollenbildern und Instagram-Accounts

Gesellschaftliche Rollenbilder beeinflussen schon, wie Kinder sich entwickeln und wie sie sich selbst präsentieren, um so ein respektables Fremdbild zu generieren. Wird Jungs beispielsweise gesagt, dass sie immer stark sein müssen und nicht weinen dürfen – versuchen sie in dieses Bild zu passen, um nicht «uncool» zu sein. Schon früh versuchen somit Kinder die Fremdwahrnehmung «positiv» zu beeinflussen, um nicht ausgegrenzt zu werden.
Im Spannungsbereich von Individuum und Gesellschaft ermöglichen zudem die sozialen Medien im perpetuum-mobile-Verlauf die Fremdwahrnehmung durch perfekt retouchierte Bilder und Posts zu beeinflussen. Zudem entstehen durch die ständige Berieselung mit Instagrampictures und Snapchatstories auch erhöhte Ansprüche an die Selbstdarstellung und der Vergleich mit anderen Menschen, die mit ihren perfekten Bodies an kristallklaren Gewässern sitzen, kann die eigene Selbstwahrnehmung beeinträchtigen. Dabei kann es von Nutzen sein, sich vor Augen zu halten, dass
das Fremdbild einer Person auch immer täuschen kann. Die Facebookfreunde lichten sich immerhin zumeist nicht vom Liebeskummer gebeutelt und absolut verkatert
im Bademantel am morgen ab, sondern von den schönsten Freunden umkreist mit bunten LED-Bändern geschmückt unter Nutzung eines Spezialfilters.
Zudem mag das Motiv für eine Tat für Aussenstehende anders erscheinen, als es eigentlich beabsichtigt war. Gibt jemand dem Kellner viel Trinkgeld, möchte er so vielleicht eher sein Date beeindrucken und nicht unbedingt Gutes tun.

Sein oder Schein

Es besteht jedoch durchaus die Möglichkeit, am eigenen Selbst- und Fremdbild zu arbeiten. Nicht ohne Grund gibt es entsprechende Kurse, wie beispielswiese solche in Rhetorik oder über die richtige Körpersprache. Das Business boomt; der Fremdeindruck kann bei so viel Selbstoptimierung aber schnell von der eigenen, wahren Persönlichkeit abweichen. Man selbst ist sich seiner Schwächen, die man manchmal mehr oder weniger erfolgreich verbirgt, bewusst. Andere sehen uns nur, wie wir gesehen werden möchten. Manchmal können wir uns auch selbst täuschen, wenn wir anderen vorgaukeln, etwas zu sein. Vielleicht werden wir auch teilweise wirklich zu der Person, von der wir hoffen, dass sie andere in uns sehen. Aber oft genug betrügen wir uns selbst und fallen hart auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn uns dies wieder bewusst wird.
Fremdwahrnehmung hängt also immer auch davon ab, wie viel und was wir von uns preisgeben. Trotzdem kennt niemand sich selbst so perfekt, dass er alles beeinflussen kann. Jeder Mensch hat Angewohnheiten, die ihm selbst nicht auffallen. Deswegen sind die Einschätzungen anderer wichtig, um einen Blick von Aussen auf sich selbst zu bekommen, den man von Innen nicht bekommen kann. Nur mit tragfähigem Feedback kann man sich richtig weiter entwickeln, Stärken und Schwächen entdecken, um so seine Wirkung positiv zu verändern. Zusätzlich ermöglicht der Blick von Aussen auch die Revidierung falscher Vorstellungen über sich selbst, und so die Verkleinerung des blinden Flecks auf der Brille der Selbstwahrnehmung.